Ein Vorstandsvorsitzender steht vor 400 Mitarbeitern. Er liest eine Rede ab, die eine KI ihm geschrieben hat. Drei Sätze sind glatt formuliert und sagen nichts. Im Saal sinkt die Aufmerksamkeit, und niemand weiß genau, warum. Die Rede war nicht falsch. Sie war nur niemandes Rede.
Genau das ist das Problem, über das in den Diskussionen um KI Redenschreiben Führungskräfte selten gesprochen wird. Es geht nicht darum, ob ein Sprachmodell einen Redeentwurf erzeugen kann. Das kann es. Es geht darum, ob am Ende jemand spricht, dem man zuhört.
Warum eine technisch korrekte Rede trotzdem versagt
Eine Rede ist kein Text, der gelesen wird. Sie ist ein Text, der gehört wird, von einer bestimmten Person, in einem bestimmten Raum, zu einem bestimmten Anlass. Ein Sprachmodell kennt den Anlass nur als Prompt. Es kennt nicht die Pause, die der Redner vor dem heiklen Satz macht, nicht die Tatsache, dass er kurze Sätze mag und lange Aufzählungen hasst.
Die Bitkom-Erhebung zur KI-Nutzung in Unternehmen zeigt, dass generative KI in der Kommunikation breit ankommt. Was sie nicht zeigt: ob die Ergebnisse jemandem gehören. Eine technisch saubere Rede ohne erkennbare Stimme klingt wie eine Rede. Und das ist der Fehler.
Die Maschine produziert, der Redner spricht, jemand redigiert dazwischen
Unser Prinzip bei SIGMA ist auch hier dasselbe. Die Maschine produziert einen Entwurf, der Mensch redigiert gegen einen Maßstab. Beim Redenschreiben ist dieser Maßstab konkreter als anderswo, denn er hat ein Gesicht und eine Stimme.
Der Maßstab besteht aus mehreren Schichten. Erstens die Tonalität der sprechenden Person: Wie redet sie wirklich, nicht wie sollte sie reden. Zweitens der Anlass: Eine Betriebsversammlung nach schlechten Zahlen verträgt keine Aufbruchsrhetorik. Drittens das, was nur dieser Redner sagen darf, weil er die Verantwortung trägt.
Wer diese Schichten nicht definiert, bekommt von der KI einen Durchschnitt. Höflich, fehlerfrei, austauschbar. Das dritte Glied im Prozess, die Redaktion gegen einen Maßstab, überspringen die meisten. Genau dort entscheidet sich, ob die Rede überzeugt.
Eine Rede, die von jedem Vorstand stammen könnte, stammt von keinem. Die KI erzeugt den Durchschnitt. Die Arbeit beginnt erst danach.
Ein konkreter Fall: die Rede nach der Hiobsbotschaft
Ein metallverarbeitender Mittelständler musste eine Standortschließung kommunizieren. Der erste KI-Entwurf war einwandfrei strukturiert und vollkommen unbrauchbar. Er enthielt den Satz, man wolle die Herausforderungen gemeinsam angehen. Sprachlich korrekt, menschlich eine Zumutung in einem Raum voller Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren.
Wir haben den Entwurf nicht weggeworfen, sondern als Rohmaterial genutzt. Die Redaktion strich jede Beschönigung, ergänzte konkrete Zahlen zum Sozialplan und baute die Rede um eine einzige Aussage herum, die der Vorstand wirklich vertreten konnte. Die KI lieferte das Gerüst. Das Urteil darüber, was gesagt werden durfte und was nicht, kam von Menschen, die den Kontext kannten.
Was uns dabei selbst misslungen ist
Ehrlich gesagt haben wir am Anfang den falschen Hebel angesetzt. Wir dachten, bessere Prompts lösten das Problem. Das stimmt nur halb. Ein guter Prompt verbessert den Entwurf, aber er ersetzt nicht das Ohr für die sprechende Person. Wir haben einmal einen Entwurf zu früh freigegeben, weil er sich gut las. Beim Probevortrag stolperte die Rednerin an drei Stellen über Formulierungen, die nicht ihre waren. Seitdem gehört der laute Probevortrag fest zu unserem Prozess, vor jeder Freigabe.
Wer den Entwurfsprozess verbessern will, findet die Grundlagen in unserem Ratgeber zu Prompt-Engineering für die B2B-Unternehmenskommunikation. Aber ein Prompt ist der Anfang, nicht das Ende.
Konkrete Schritte für den Redaktionsprozess
Erstens, ein Stimmprofil anlegen, bevor die erste Zeile entsteht. Notieren Sie zehn typische Formulierungen der Führungskraft, ihre Lieblingswörter und die Wörter, die sie nie benutzt. Dieses Profil ist Ihr Maßstab.
Zweitens, den KI-Entwurf als Rohmaterial behandeln, nie als Ergebnis. Streichen Sie zuerst alles, was nach niemandem klingt. Was übrig bleibt, ist meist weniger und besser.
Drittens, den lauten Probevortrag verpflichtend machen. Eine Rede, die auf dem Papier funktioniert, kann gesprochen scheitern. Erst die Stimme zeigt, ob der Text passt.
Viertens, die Verantwortung klären. Die EU-KI-Verordnung verlangt Transparenz bei KI-generierten Inhalten. Bei einer Rede ist die Frage einfacher und härter zugleich: Wer steht dafür gerade, was gesagt wurde. Die Antwort ist immer der Redner, nie die Maschine.
Die KI kennt den Anlass als Prompt. Der Redner kennt ihn als Verantwortung. Dazwischen liegt die Redaktion.
Authentizität ist kein Stil, sondern eine Entscheidung
Man kann Authentizität nicht prompten. Sie entsteht, wenn jemand entscheidet, was er sagen will und was nicht. Eine KI hat diese Entscheidung nicht zu treffen, sie kann es auch nicht. Sie hat keine Position, kein Risiko, keinen Ruf zu verlieren.
Die Forschung am Fraunhofer-Institut zur menschzentrierten KI betont die Rolle des Menschen in der Beurteilung von KI-Ergebnissen. Beim Redenschreiben ist diese Rolle nicht delegierbar. Die Maschine kann Varianten liefern, schneller als jeder Redenschreiber es allein könnte. Sie kann Argumente sortieren und Formulierungen vorschlagen. Was sie nicht kann, ist beurteilen, ob diese Worte zu diesem Menschen passen, an diesem Tag, vor diesem Publikum.
Das ist keine romantische Verklärung des Handwerks. Es ist eine nüchterne Arbeitsteilung. Produktion und Urteil sind verschiedene Dinge, und nur eines davon lässt sich automatisieren.
Die nächste Rede schreibt sich vielleicht zur Hälfte von selbst. Die Frage bleibt, wer die andere Hälfte verantwortet.
Häufige Fragen
Eine KI erzeugt einen strukturierten, fehlerfreien Entwurf, aber keinen Text, der erkennbar von einer bestimmten Person stammt. Überzeugend wird eine Rede erst, wenn jemand den Entwurf gegen einen Maßstab redigiert, der die Tonalität, den Anlass und die persönliche Verantwortung der sprechenden Person abbildet.
Ein Prompt liefert einen Durchschnitt: höflich, fehlerfrei, austauschbar. Professionelles KI-Redenschreiben beginnt nach dem ersten Entwurf. Der entscheidende Schritt ist die Redaktion gegen einen definierten Stimmmaßstab, der festhält, wie die Person wirklich spricht, was der Anlass verträgt und was nur sie sagen darf.
SIGMA nutzt den KI-Entwurf als Rohmaterial, nicht als Ergebnis. In einem Redaktionsschritt werden Beschönigungen gestrichen, konkrete Inhalte ergänzt und die Rede auf eine zentrale Aussage verdichtet, die der Vorstand glaubwürdig vertreten kann. Die Maschine produziert, der Mensch redigiert gegen einen Maßstab.
Weil der Maßstab fehlt, gegen den redigiert wird. Sprachmodelle optimieren auf Sprachrichtigkeit, nicht auf Zugehörigkeit zu einer Person. Ohne definierten Stimmmaßstab und ohne einen Redaktionsschritt, der Durchschnittssätze durch konkrete, verantwortete Aussagen ersetzt, klingt jede KI-Rede wie jede andere.